Vorhofflimmern: Therapie wird sich grundlegend ändern

Paderborner Chefarzt wesentlich bei internationaler Studie beteiligt

 Prof. Dr. Andreas Götte, Chefarzt der Medizinischen Klinik II des St. Vincenz-Krankenhauses Paderborn, ist als Verantwortlicher des „Kompetenznetzes Vorhofflimmern“ maßgeblich an der europaweiten klinischen Studie „Frühe Behandlung von Vorhofflimmern zur Verhinderung von Schlaganfällen“ beteiligt. Die Ergebnisse der Studie wurden am Samstag beim virtuellen Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) der Fachwelt vorgestellt − sie werden weltweit einen massiven Einfluss auf die bisherige Behandlung von Vorhofflimmern haben. Als „Ritterschlag“ erschienen die Ergebnisse am Samstag parallel im „New England Journal of Medicine“ – der angesehensten medizinischen Fachzeitschrift der Welt.

Prof. Dr. Andreas Götte, Chefarzt der Medizinischen Klinik II

In der Langzeitstudie beobachtete ein Forscher-Team unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Paulus Kirchhof (Universitäres Herzzentrum Hamburg/ Universität Birmingham) fünf Jahre lang rund 2.800 Patienten mit Vorhofflimmern aus 135 Zentren in elf Ländern aus ganz Europa. Auch 16 Patienten aus dem Paderborner St. Vincenz-Krankenhaus haben daran mitgewirkt. Die Ergebnisse stellen die weltweit geltenden Leitlinien auf den Kopf: Patienten mit neu diagnostiziertem Vorhofflimmern proftieren besonders von einer frühzeitigen rhythmuserhaltenden Therapie. Das bedeutet konkret: Je eher Rhythmusmedikamente oder eine Katheterablation durchgeführt werden, desto geringer ist das Risiko für lange Krankenhausaufenthalte und schwerwiegende Komplikationen, wie Schlaganfälle oder das Versterben aufgrund von Herzkreislauferkrankungen. „Das Risiko für schwere Komplikationen bis hin zum Tod ist bei Patienten mit Vorhofflimmern im ersten Jahr am höchsten. Eine Therapie ist daher am effektivsten, wenn sie so früh wie möglich stattfindet. Diese Erkenntnisse werden die gängige Praxis grundlegend verändern und für alle behandelnden Ärzte eine wesentliche Bedeutung für die Zukunft haben. Nehmen wir die Ergebnisse nicht ernst, riskieren wir Schlaganfälle und kardiovaskuläre Todesfälle bei unseren Patienten“, fasst Götte die Studie zusammen.
Bisher plädieren weltweit alle Behandlungsleitlinien dafür, Vorhofflimmern erst dann zu behandeln, wenn weitere Beschwerden und Symptome auftreten. Die derzeit übliche Therapie besteht im Wesentlichen aus Medikamenten zur Regulierung der Herzschlagfrequenz, um das Schlaganfallrisiko zu senken – die Rhythmusstörungen werden hierdurch jedoch nicht aktiv behandelt. Eine Ablation oder spezielle Rhythmusmedikamente kommen bislang erst dann zum Einsatz, wenn der Patient unter besonders schweren Symptomen leidet.
„Zu den zukunftsweisenden Ergebnissen dieser riesigen Studie aktiv beigetragen zu haben, macht unser Team des Studienbüros am St. Vincenz-Krankenhaus Paderborn sehr stolz. Wir sind einen großen Schritt weiter, die Aussichten für Patienten mit Vorhofflimmern deutlich zu verbessern“, so Götte. Beim Vorhofflimmern gerät das Herz außer Takt. Zwar ist diese Herzrhythmusstörung selbst nicht unmittelbar lebensbedrohlich, sie kann aber zu schweren Komplikationen führen, insbesondere zum Schlaganfall.


Hintergrundinformation
EAST – AFNET 4 ist eine europaweite klinische Studie, die vom Kompetenznetz Vorhofflimmern e.V. (AFNET) in Kooperation mit der Europäischen Rhythmologen-Vereinigung (EHRA) durchgeführt wurde. EAST steht für „Early treatment of Atrial fibrillation for Stroke prevention“, auf Deutsch: Frühe Behandlung von Vorhofflimmern zur Verhinderung von Schlaganfällen. Das Kompetenznetz Vorhofflimmern hat die Studie ins Leben gerufen und als Sponsor durchgeführt. Als wissenschaftliche Partner waren die European Heart Rhythm Association (EHRA) und das Deutsche Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) beteiligt. Finanzielle Unterstützung zur Durchführung der Studie wurden von der Deutschen Herzstiftung, dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und den Firmen Sanofi und Abbott zur Verfügung gestellt. Prof. Dr. Götte war für das AFNET Vertreter in den wissenschaftlichen Gremien.
Prof. Dr. Götte ist seit 2003 Mitglied im Kompetenznetz „Vorhofflimmern“ (AF-Netz), welches initial durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert wurde und ein eingetragener Verein ist. Im Rahmen des Kompetenznetzes werden Grundlagenforschung, klinische Studien sowie Register bundesweit durchgeführt.


Foto: Prof. Dr. Andreas Götte, Chefarzt der Medizinischen Klinik II des St. Vincenz-Krankenhauses Paderborn. Foto: St. Vincenz-Krankenhaus/Böddeker